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Taiwan - Touristen - Taifun

Taiwan ist eine Reise wert. Und dies aus mehreren Gründen. Unsere Kleingruppe, bestehend aus sechs Personen, hat im September 2010 die Insel bereist. Wir waren weit und breit die einzige „Langnasengruppe“. An östlichen Ausländergruppen konnten wir höchstens Japaner und Koreaner ausmachen. Westliche Ausländer treten hier und da vereinzelt als individualistisch reisende Personen auf. Das führt dazu, dass wir genauso bestaunt wurden wie umgekehrt. Vor allem die vielen Schulkinder in den Museen und den Sehenswürdigkeiten kamen immer wieder kichernd auf uns zu und wollten mit kurzen Sätzen ihr Englisch "plaktizielen". Wir haben uns köstlich amüsiert. Die Menschen auf Taiwan (Han-Chinesen vom "Festland", Taiwaner und indigene Gruppen) sind äußerst freundliche und hilfsbereite Menschen, mit denen über die Gestensprache bestens zu kommunizieren ist. Von Vorteil sind natürlich Mandarin-Sprachkenntnisse. Wendet man sie an, dann öffnen sich viele Türen, führen aber auch zu unendlich vielen Fragen vom Geburtsort (manchmal wird man sogar gefragt, wo man in China geboren sei!) über den Familienstand bis hin zum Einkommen. Bei dem Fragespiel muss man den Spiess sofort umdrehen, d. h., Gegenfragen stellen, dann hat man Ruhe. Auf Taiwan haben sich durch die zugewanderten Kuomintangleute zwischen 1945-1950 viele traditionelle kulturelle, religiöse und kulinarische Eigenheiten der Festlandchinesen etabliert. Man erlebt auf Taiwan einen chinesischen Mikrokosmos im Makrokosmos der Traditionen. Obwohl immer alles etwas chaotisch und ungeordnet erscheint, pendelt sich schließlich alles wieder ein. Taiwaner lieben das Individuelle ebenso wie die Gemeinschaftsveranstaltungen, die wir besonders bei dem religiösen Fest zu Ehren des Erdgottes Tudi in Kenting erleben durften. Der überladen wirkende, synkretistische Tempel aus daoistischen und buddhistischen sowie zusätzlich schamanistischen Merkmalen hat uns in den Bann gezogen. Der Weihrauch und das Feuerwerk zur Vertreibung der Geister taten ein Übriges. Wir waren begeistert. Kinder zupften an meinen Armen und sprachen kichernd zu ihren Klassenkameraden vom "großen Affen". Ich musste lachen, verstand aber die Reaktionen, da ja Chinesen nicht einen so starken Haarwuchs haben wie wir Europäer. Auch auf sprachlichem Gebiet konnten wir einige Überraschungen erleben, so z. B., als unsere chinesische Reiseleiterin sagte, dass wir heute in das "Hinterteil des Hotels" fahren würden, um von der Rundreise einzuchecken. Es war schon komisch, aber auch hier wieder verständlich, denn es gibt kaum deutschsprachige chinesische Reiseleiter auf der Insel. Mir ist eigentlich schleierhaft, warum Taiwan von so wenigen westlichen Touristen besucht wird. Es bietet wunderschöne Landschaften, religiöse Feste und traditionelle Tempel sowie eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur, die allerdings im Hochgebirge ab und zu durch Taifun-Einflüsse zu leiden hat. Dennoch, ich kann eine Reise dorthin sehr empfehlen.

Peter Thiele

Reiseleiter „Unbekanntes Taiwan“ – September 2010