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Drei Wochen Südchina waren drei Wochen Reiseglück. Darin sind wir – meine Gruppe und ich als Reiseleiterin – uns einig. Bei uns stimmte einfach alles: die Harmonie untereinander und mit unseren tüchtigen lokalen Führern, die uns aufs liebenswürdigste verwöhnten; der Programmmix aus Natur und Kultur, Politik und Wirtschaft, den wir mit allen Sinnen und  Geisteskräften in uns aufnahmen und ja, sogar das Wetter: Selbst in der Provinz Guizhou, wo  laut einem chinesischen Sprichwort angeblich keine drei Tage ohne Regen vergehen, strahlte die Sonne zehn Tage lang freundlich auf uns hinunter.
Den Besucher Südchinas erwarten einzigartige Landschaften: Der Steinwald und die größten Wasserfälle Chinas in Yunan, die endlosen Gebirge und berühmten Reisterrassen in Guizhou, die traumhaft-anmutige Karstlandschaft am Li-Fluss in Guangxi  - all diese Motive fehlen in keinem Bildband über China und können doch im Vergleich zur Wirklichkeit immer nur unzulänglich fotografiert und beschrieben werden. Die Einwohner haben sich den Sinn für den Zauber ihrer Heimat sehr wohl bewahrt. Es gibt kaum einen Felsen, kaum ein Gebirge, das in ihren Augen nicht "in Wahrheit" ein zu Stein erstarrter Drache oder ein alter Mann oder ein Kranich oder … ist.

Südchina ist auch die Heimat vieler Minderheiten. Als Ethno-Museum erlebten wir Südchina zum Glück dennoch nicht. Was wäre eine Tradition schon wert, die gleichsam in der Vergangenheit festgefroren ist? Die sich ohne Beziehung zur Gegenwart, ohne Austausch mit der Welt nur noch selbst  wiederholt? Vor allem: wäre Stillstand wirklich im Sinne der Betroffenen? Die chinesische Regierung hat deshalb die vordergründig paradoxe Devise, die Traditionen zu erhalten und den Anschluss an die Moderne zu finden, ausgegeben. Damit war der Themenschwerpunkt, mit dem wir uns als Studienreisende in Vorträgen und Diskussionen intensiv beschäftigten, abgesteckt:  Wie stehen Althergebrachtes und Neues zueinander?
Ein erster Donnerschlag gleich zu Beginn der Reise war die Show der in ganz China bewunderten Tänzerin Yang Liping in Kunming. Diese vielfach preisgekrönte Künstlerin gehört der Minderheit der Bai an und verbindet uralte Tänze und Gesänge der Ethnien mit Elementen des Modern Dance (!) – mit umwerfendem Ergebnis! Einige Programmpunkte sind zum Glück auf Youtube zu besichtigen...
Solchermaßen für den Geist und die Vitalität der Ethnien sensibilisiert, genossen wir um so intensiver ihre Musik, ihre Tänze und ihre Trachten beim Neujahrsfest der Miao in Leishan und Xijiang und bei vergleichsweise kleinere Darbietungen in Zhaoxing und Chenyang.
Da außer uns zumeist nur sehr wenige ausländische Touristen vor Ort waren, gerieten wir als "Minderheit unter den Minderheiten" gelegentlich selbst in den Fokus fremder Kameras. Immer gab es auch Raum für unvergessliche Begegnungen wie mit den drei Dong-Seniorinnen, die sich mit einer Teilnehmerin anfreundeten und ihr ein ganz persönliches Ständchen darbrachten; mit einer schönen Sängerinnen, die uns erzählte, dass sie sogar schon in "Suri" (Zürich) aufgetreten sei;  mit einer Kunsthandwerkerin, die uns aus ihrer persönlichen Schatzkiste Trachten zeigte und alte kunsthandwerkliche Techniken unterrichtet oder mit meinem ganz speziellen Liebling, einem kleinen Gejia-Buben in "Schnellfeuerhosen", den ich hautnah erleben durfte, während seine schöne Mama ihre Tracht für uns anlegte.
Auf tagelangen Überlandfahren konnten wir beobachten, wie ausgerechnet in Guizhou, in der ärmsten Provinz Chinas und unserem Hauptreiseziel, in zahlreichen Dörfern neue, komfortablere Wohnhäuser, aber auch Schulen und Krankenhäuser unter Bewahrung der traditionellen Architektur gebaut wurden. Wir besuchten abgelegene Dörfer, deren Häuser mit Energiesparlampen und Satellitenschüsseln ausgestattet waren und in denen die demokratisch gewählten Bürgermeister und Gemeinderäte zu Dorfversammlungen aufriefen und die Ergebnisse der letzten Sitzungen auf roten Anschlägen verbreiteten. Einer wachsenden Zahl von Bewohnern Guizhous geht es heute offensichtich besser denn je zuvor: Sie müssen nicht mehr als Wanderarbeiter ihre Familien für lange Jahre verlassen, die Bildung ihrer Kinder macht große Fortschritte, die Lebensqualität steigt beträchtlich und der Stolz auf die eigene Kultur wächst.
Wir staunten außerdem über den Eifer mit dem seit den letzten Jahren neue Autobahnen und modernste Eisenbahnstrecken fertiggestellt werden, um die Verkehrsanbindung Guizhous an die Nachbarprovinzen und darüber hinaus an die Freihandelspartner in den ASEAN-Länder im Süden Chinas zu gewährleisten.  Kurz, wir wurden zu Augenzeugen des größten Modernisierungsprojektes der Weltgeschichte: Die Entwicklung des chinesischen Hinterlandes.

Bleibt mir nur, Indo Orient für die Durchführung der Reise und meinen Teilnehmerinnen für die großartige gemeinsame Zeit zu danken!

Text von Carmen Paul, Fotos von Hedwig Dinner

Dr. Carmen Paul