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Von Georgien über Ostanatolien bis nach Istanbul

Ich liebe Strassen, vor allem Strassen abseits der grossen Touristenrouten. Die Tour von der georgischen Hauptstadt Tbilisi ans Schwarze Meer und weiter durch Ostanatolien bis an den Van See war eine gute Wahl. Der Besuch von Tblisi lohnt schon allein wegen dem wahrhaft sensationellen Goldschatz aus vorchristlicher Zeit im Stadtmuseum. Der Schmuck, die Diademe und die naturalistisch gestalteten Löwen, Schildkröten und Pferde sind nicht weniger fein gearbeitet als der hochberühmte Skythen Schatz in der Ermitage von St. Petersburg. Sympathisch offen aber auch die Altstadt mit ihren vielen Kirchen, der Moschee und der originellen, zweistöckigen Synagoge. Sie wird von vielen Israelis besucht und war für fast alle meiner vielgereisten Begleiter die erste Synagoge ihres Lebens. Wir bummelten durch enge Gassen, vorbei an Teppich- und Antiquitätenläden, fotografierten die Mutter Georgien, die eine Weinschale hochhält und genossen ein deftiges Abendessen, natürlich bespült mit dem berühmten georgischen Wein.
Am nächsten Tag folgte ein Wechselbad der Kulturen: erst in Mtskheta die Swelizchobeli Kathedrale, in der ein Gewand von Jesus aufbewahrt sein soll, dann in Gori das überaus bescheidene Geburtshaus von Stalin mit dazugehörigem, weniger bescheidenem Museum und endlich hoch oben im kleinen Kaukasus die Ferienstadt Bakuriani. Hier verbringen kinderreiche georgische Familien ihren Urlaub, was mit viel fröhlichem Rummel verbunden ist. Kontakt zu Einheimischen kein Problem.

In allen Reiseführern gepriesen wird die Höhlenstadt Vardzia. Mit mehr als 2000 gut ausgestatteten Grotten bot sie im Mittelalter bis zu 50 000 Menschen Unterkunft, ist jedoch etwas mühselig zu erwandern. Auf schmalen Pfaden, über steile Treppen und durch dunkle Tunnels erreichten die Sportlichen der Gruppe Schlafsäle von Mönchen, eine Apotheke, einen Weinkeller und endlich auch eine mit Fresken geschmückte Kathedrale. Ein Wunderwerk abenteuerlicher Baukunst gesegnet mit prachtvoller Aussicht.


Nach einer Übernachtung in Kutaisi und weiteren Kreuzkuppelkirchen erreichten wir Batumi am Schwarzen Meer. Dank der geschützten Lage am Fuss des Kaukasus wachsen hier Palmen, Zypressen, Magnolien, Oleander, Bambus, Granatäpfel und Orangenbäume. Ein anderer wichtiger Anziehungspunkt des östlichen Monaco sind die Casinos, Pokerclubs, Wettbüros und feine Restaurants. Wir beschränkten uns auf die Letzteren, so dass auch Zeit für einen ausgedehnten Bummel durch den hübschen botanischen Garten blieb, sowie für den Besuch der abendlichen Wasserspiele.  

Kein Problem an der georgisch-türkischen Grenze, wo wir auf beiden Seiten wie Freunde behandelt wurden. So erreichten wir gutgelaunt die Kleinstadt Rize, berühmt für ihren Tee.


Am nächsten Tag stand mit dem Sumela Kloster, eines der grossen Highlights der Schwarzmeerküste auf dem Programm. Es klebt einem Schwalbennest gleich an einer steilen Felswand und scheint unerreichbar, doch dann schafft man auf steilen Wegen und Treppen den Zugang zum Weltkulturerbe trotzdem. Beeindruckend vor allem eine in den lebenden Fels gehauene, innen und aussen reich bemalte Kirche, die der Jungfrau Maria gewidmet ist. Mönche leben seit 1924 in Sumela keine mehr, der einst griechisch orthodoxe Pilgerort ist heute ein aufwendig restauriertes Ausflugsziel muslimischer Familien.


Die Nacht verbrachten wir in Erzurum, das 1939 durch ein Erdbeben stark zerstört wurde. Trotzdem erinnern noch viele Moscheen, Medresen und Türben aus der Seldschukenzeit (12. und 13. Jahrhundert) an den einstigen Glanz des wichtigen Handelszentrums an der Seidenstrasse. Ganz klar, wir waren nun bei den Muslimen, wurden frühmorgens vom Muezzin geweckt und beobachteten beim Abendessen ein besonderes Ritual. Der grosse Speisesaal des Hotels füllte sich nur langsam, der Service schien nicht zu funktionieren. Aber dann, kurz vor halb acht kamen die Kellner plötzlich im Eiltempo mit Suppentellern herbeigeeilt und schon sassen an die hundert Gäste vor einem dampfenden Mahl. Wir aber begriffen: es ist Ramadan. Wenig später verkündete der Muezzin das Ende des Fastens, die Hungrigen griffen wie auf Kommando zum Löffel und es begann der grosse Schmaus.

Viel bescheidener unsere nächste Station Kars, für uns Ausgangspunkt für den Besuch von Ani. Die alte Hauptstadt eines kurzlebigen armenischen Grossreiches soll einst 1001 Kirchen, 10 000 Häuser und 100 000 Einwohner gezählt haben, die Ruinen der Kirchen stehen heute traurig und faszinierend zugleich über eine windige Hochebene verstreut. Wir bestaunten die untergegangene Pracht und blickten immer wieder über eine enge Schlucht nach Armenien. Die Grenze ist seit Jahrzehnten gesperrt.

Wieder heiter und freundlich unsere nächsten Etappen, erst der Ishak Pasha Palast, berühmt für seine hochnoble, aber auch moderne Ausstattung - es gab sogar eine Bodenheizung, dann der Van See mit Achthamar. Die originellste aller armenischen Kirchen steht auf einer kleinen Insel und ist an den Aussenwänden mit einer wahren Bilderbibel geschmückt. Fern vom höfischen Konstantinopel, fern aller gestrengen Ikonografie durften sich die Bildhauer hier frei austoben. David erscheint als fröhlicher Bauernjunge, Daniel lässt sich von einem Löwen die Füsse lecken, die Heiligen könnten aus der nächsten Schenke kommen. Wir fragten, ob in der Kirche auch noch Messen gelesen würden. Ja, einmal im Jahr. Es folgte das das traditionelle Fischessen am See, eine Begegnung mit den Van Katzen, bekannt für ihre verschiedenfarbigen Augen und ein Besuch in einer Teppich Manufaktur, was zu einer erheblichen Vergrösserung unseres Gepäcks führte.
                              





















Und dann als fulminanten Abschluss der Reise die ewige Kulturhauptstadt Istanbul, die mich auch nach sechzig Jahren immer wieder aufs Neue begeistert. Was für eine Stadt. Erst den griechischen Göttern geweiht, dann als zweites Rom das wahre Zentrum christlich-abendländischer Kultur, dann die stolze Metropole der Osmanen, die sich als Herren über Mekka und Medina auch als Beschützer des Islam betrachten konnten. Übrigens waren die Sultane recht tolerant. Sie zerstörten keine Kirchen, verboten keine Messen, duldeten in ihrem Riesenreich die verschiedensten Glaubensrichtungen - nur Steuern mussten die Nichtmuslime bezahlen. Man könnte nostalgisch werden, doch wir vergassen alle Politik, liessen uns berauschen von der Schönheit und Perfektion der Hagia Sophie und der Moscheen, fuhren übers Goldene Horn zum Café von Pierre Loti und sahen den Derwischen beim Tanzen zu.