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Auf Strasse und Schiene über den Himalaya -  Von Kathmandu bis nach Shanghai zur Expo - 8. – 26. Juli 2010

Das Anstrengendste an der Reise über den Himalaya war die Weltausstellung in Shanghai: kilometerlange Märsche bei heissen 40 Grad und stundenlanges Anstehen vor den interessantesten Pavillons. (Wir begnügten uns mit den Aussenansichten.)

Freudige Überraschung dagegen in Kathmandu. In den prächtigen nepalesischen Königsstädten geht es momentan recht beschaulich zu, selbst im Palast der lebenden Göttin und auf dem Töpfermarkt von Bhaktapur war meine kleine Gruppe die einzige Westvertretung. Neu sodann  ein Besuch in der  Residenz des letzten Königs, die nun - inklusive Lokalität des mysteriösen Königsmordes - für Touristen offen steht. Nicht geklappt hat dagegen der  berühmte Blick auf den Mount Everest und auch auf eine Wildwasserfahrt mussten wir verzichten. Dafür erreichten wir  pünktlich und ohne lange Scherereien an der Grenze  die kleine Hill Station Zhangmu mit dem hübschen  Zhangmu Hotel. Es tut sich etwas im Tibet. Die Strassen sind besser, so dass man nun auch  die Klöster Sakya und Shalu  sowie  das Mount Everst Basis Lager leicht mit Bus erreichen kann, die Hotels wurden renoviert, auf den Märkten fehlt es weder an Gemüse, noch an Obst. (Der mitgenommene Proviant einiger Reiseteilnehmer erwies sich als unnützer Balast). 

Wir besuchten die Höhle des grossen Dichters  Milarepa, wo momentan ein neues Kloster gebaut wird, fotografierten den auf der Tibetseite wolkenlosen Mount Everest und bewunderten die Fresken von Shalu. Schade nur, dass wir im Kloster der Mahasiddhas oder grossen Zauberer nicht auch den berühmten Trancegang lernen konnten. Das von Lama Govinda gepriesene Kunststück hätte uns manch steilen Aufstieg erleichtert. In Tashilhunpo Kloster von Shigatse war gerade der Panchen Lama zu Gast, weshalb die grosse Sutra Halle für Besucher gesperrt war. Umso prächtiger die Dekoration der riesigen Klosteranlage, wo wieder gegen tausend Mönche leben, die die 333 heiligen Bücher des Buddhismus studieren, Sutren rezitieren, Sandmandalas ausstreuen, Fresken malen und Cham-Tänze üben. Wer hat da gedacht, die tibetische Kultur sei in ihrem Heimatland vom Aussterben bedroht?

Von Shigatse hätten wir die Schnellstrasse nach Lhasa nehmen können, doch wir zogen den Umweg über Gyantse vor und wurden durch grandiose Landschaften belohnt: gewaltige Gletscher, Schneeberge, tiefblaue Seen, Yakherden. Nomaden und ein lichter Himmel voller weisser Wolken. In Gynatse kletterten wir in der zur Gedenkstätte umgewandelten Burg herum, bewunderten den Kumbum, berühmt als schönste Stupa des Tibet und  erlebten in der gut erhaltenen Altstadt, wo Kühe vor den traditionellen Häusern liegen, wahres Bilderbuch-Tibet.  Als Special empfiehlt sich ein Besuch im hübschen Nonnenkloster,  herausgepützelt von wahren Musterhausfrauen und ruhig gelegen in den Hügeln.

Nächste Station war Tsetang, gepriesen als Wiege des Tibet und berühmt für die älteste Burg - sie ist allerdings neu aufgebaut -  und für die mehr als tausendjährigen Königsgräber.  Interessant aber auch ein Besuch bei einer Tibeter Familie, die vom sogenannten Warm- Herz-Bauprogramm profitiert hat. Dieses ermöglicht mit gratis Baumaterial und zinslosen Darlehen Zehentausenden von Tibetern den Bau von neuen, recht komfortablen Häusern. Elektrizität und fliessendes Wasser sind vorhanden, zudem gibt es bei den begüterten Familien im Obergeschoss stets einen kleinen Haustempel.
Auf der Weiterfahrt entlang dem Brahmaputra besichtigten wir das Samye Kloster, das in Form eines Mandala angelegt ist und indische, chinesische und tibetische Architektur vereint. Dank einer neuen  Brücke und einer ausgebauten Strasse zum Flughafen von Lhasa ist das höchst orginelle Weltkulturerbe nun  bequem zu erreichen.

Und dann endlich Lhasa, die boomende, vielgescholtene Millionenstadt auf 3800 Metern über Meer. Natürlich ist es nicht mehr die alte Stadt des Dalai Lama, der Mönche, Pilger und Aristokraten. Weite Teile erinnern mit ihren verspiegelten Hochhäusern, Supermärkten,  Wohnblöcken, Banken, modernen Hotels, Bars und Kinos an irgendeine chinesische Grosstadt, doch es gibt  auch noch Orginales. Auf den Pilgerwegen wandern Zehntausende von frommen Tibeter um die Heiligtümer, drehen Gebetmühlen und murmeln OM MANI PADME HUM, im Nonnenkloster kann man gemütlich Buttertee trinken, im Serakloster üben sich die Mönche im Disputieren, im Nechung Kloster, der Residenz des ehemaligen Staatsorakels, werden Mengen von Schnaps geopfert und im Park des Sommerpalastes amüsieren sich die Kinder. Ärgerlich  dagegen, dass die Besichtigung des Jokhang Tempels, der wichtigsten Kultstätte des ganzen Tibet, für Besucher auf magere zehn Minuten beschränkt wurde und dass man auch den riesigen Potala Palast in einer Stunde schaffen soll.Züric  (Wir kamen mit Verspätung zum Ausgang, was unserem Lokalführer  einen scharfen Verweis eintrug.)  Ganz anders ein Ausflug nach Tshurphu, dem  Hauptsitz des Karmapa Ordens. Die weitläufige, guterhaltene Anlage liegt ca. 60 Kilometer von Lhasa entfernt in einem fast unberührten Hochtal und wird kaum je von Westtouristen besucht. Schade, denn hier lebt das Tibet wie eh und je. Die Karmapa Schule ist weit älter als die Gelbmützen Schule des Dalai Lama, hat viele vorbuddhistische Traditionen bewahrt und verehrt ganz besonders schreckhafte Schutzgottheiten. Wir  wohnten einer Zeremonie bei, sahen Mönche in einer Prozession zum Fluss ziehen und fanden so die mystische Stimmung vor, die wir in Lhasa vermisst hatten.

Nach zwei spannenden Wochen dann die Eisenbahnfahrt von Lhasa nach Xining. Schlauerweise hatten wir den Morgenzug gebucht, denn wir wollten die spektakulärsten Landschaften bei Tageslicht sehen, so den See, die Schneeberge, die Gletscher und den 5200 Meter hohen Pass, übrigens eine kaum wahrnehmbare Bodenschwelle im schier endlosen Hochland. Recht bequem der Zug: Klimaanlage, Druckausgleich, gute Betten, grosse Panoramafenster und überaus reichhaltiges Angebot im Speisewagen. Den bunt zusammengewürfelten Fahrgästen gefiels.und man tauschte Erfahrungen aus. Wer hatte Ärger mit der Spezialerlaubnis fürs Tibet, die es ab Kathmandu nur für Gruppen gibt?. Wer wurde  höhenkrank? Wer schaffte  die Tour rund um den Kailash ? Wer will wieder kommen? Meine Gruppe war zu fast hundert Prozenten positiv. Das Tibet  ist nicht zu toppen. Höher, spannender, geheimnisvoller und einprägsamer geht’s einfach nicht.

Charlotte Peter 

Zürich, Juli 2010

Herzlichen Dank für die Fotos an Hans Zulliger, 2010