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Bangladesch - Reise im Oktober 2010

Die Gastfreundschaft der Bangladeschi ist unübertroffen.
Vergessen das goldene Bengalen, einst reichster Gliedstaat Indiens oder - wie die Engländer sagten - die Lokomotive von British India. Wer heute von Bangladesh spricht, denkt vor allem an Armut und Überschwemmungen, kaum je an die Mangrovenwälder  und die Bengale Tiger im Brahmaputra Delta, an die Zeugnisse  einer buddhistischen Hochkultur im Norden des Landes oder an die Megastadt Dhaka. Als wir dort landeten, war das Erstaunen deshalb gross: mehr als doppelt so viele Einwohner wie die ganze Schweiz, mehr Rikschas als Autos, ein bescheidener Wirtschaftsboom und friedliches Zusammenleben von Muslimen und Hindus.
Bangladesch
Wir unternahmen als erstes eine Rundfahrt im Hafen, wo riesig viel Betrieb herrscht: Fischerboote, Fähren, Kutter, Linienschiffe, Hausboote, Lastkähne und dazu ein ganzer schwimmender Markt. Es folgten Besuche in einer originell geschmückten Moschee, im Fort und in einem Dorf von Seidenwebern. Hier entstehen in mühsamer Handarbeit die berühmten, schweren Bengali-Seidenstoffe und natürlich wurde eifrig gekauft. Nächster Programmpunkt war ein Spaziergang durch die Handwerkergassen der Altstadt und schon fühlten wir uns ins Mittelalter zurückversetzt. Leicht möglich in diesem Wirrwarr von winzig kleinen, dunklen Werkstätten, Garküchen, Lastenträgern, Hochzeitsschmuck, fliegenden Händlern und Hindugöttern einen Historienfilm zu drehen und das ganz ohne Requisiteur und ohne Kostümbildnerin. 
Auf die achttägige Bootfahrt zu den Mangroven von Sunderbans verzichteten wir für einmal, wandten uns stattdessen nach Rajsahi im Norden und blieben für zwei Stunden in einem Stau stecken. Kein Wunder in einem Land, das nur viermall so gross ist wie die Schweiz, aber 160 Millionen Menschen zu beherbergen hat. Immerhin reichte die Zeit noch zum Besuch eines Rajbari, also eines  alten Herrenhauses, das seit  mehr als  70 Jahren leer steht und einen recht verwahrlosten Eindruck macht. Gut gepflegt dagegen die zum Besitz gehörenden Hindutempel. Sie waren einst für die noble Familie reserviert, dienen nun aber  der ganzen Gemeinde.
Terrakotta Darstellungen am Kantanagar Tempel
Am nächsten Tag erwartete und das archäologische Highlight von Bangladesh, der Somapuri Maha Vihara. Das heute verlassene Kloster gilt als die grösste buddhistische Lehrstätte südlich des Himalajas und verblüfft durch seine grosszügige Anlage und durch seinen monumentalen Stupa mit ihren reichen Terrakotta Skulpturen.

Sehr sehenswert auch das Museum, das leider so schlecht beleuchtet ist, dass sich die Mitnahme einer Taschenlampe empfiehlt. Ebenfalls ein Weltkulturerbe der hinduistische Kantanagar Tempel unweit von Rangpur. Hier vermischen sich auf liebenswürdige Art die Kulturen und Religionen: neben Krishna und seinen 600 Gopis sieht man muslimische Fürsten Wasserpfeife rauchen, neben Szenen aus dem Ramayana finden auch buddhistische Symbole einen Platz. Ein wahrhaft globales Bilderbuch.

Von Rangpur führt die normale Touristenroute zurück nach Dhaka, wir jedoch zogen es vor, über die Grenze nach Indien zu fahren. Kein Problem. Die ordentliche Strasse führt durch

Jute- und Tabakpflanzungen, vorbei an schlichten, mit Palmblättern gedeckten Lehmhäusern, von denen wir eines besuchen durften und über träge Tropenflüsse zur verschlafenen Grenzstation. Bald waren wir wieder in Indien, nahmen Abschied von einem durch Leid geprüften, aber liebenswerten Land und hofften, wieder zu kommen und noch mehr zu sehen.

Dr. Charlotte Peter, 2010