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Addis Abeba-Nairobi - Die vergessene Strasse


Seltsam: Eine Strasse verbindet die wichtigsten Highlights von Ostafrika. Im Norden von Äthiopien eine christliche Hochkultur mit den weltberühmten Felskirchen von Lalibella, den Stelen von Axum und den Palästen von Gondar. Im Süden von Äthiopien ein wahres Bilderbuch mit fast unverfälscht erhaltenen Stammeskulturen, mit kühn bemalten Menschen, behängt mit Perlen- und Kaurimuschelschmuck und mit Mursi Frauen, die Lippenpflöcke tragen.
Im wenig bekannten Norden von Kenia Topsafari-Möglichkeiten mit den grössten Elefanten im Marsabet Nationalpark, mit dem Dorf der tapferen Samburu Frauen, die sich gegen die Beschneidung der Töchter wehren und mit dem Mount Kenya Serena Hotel, wo die Besucher gleichsam aus einer Loge auf ein grosses Wasserloch herabsehen, an dem Elefanten- und Büffelherden ihren Durst stillen. Und nicht zu vergessen, die Strasse führt vorbei an Seen und Vulkanen durchs Riff Valley, der vielleicht schönsten Gegend Afrikas.

Seltsam:
die Strasse wird in den Reisehandbüchern kaum je erwähnt.

Seltsam:
Diese Tour wird mit Ausnahme der Indo Orient Tour von keinem Reiseveranstalter angeboten.
Ich habe es trotzdem versucht und hatte - ausser einer Autopanne - keinerlei Probleme. Im gut erschlossenen Norden von Äthiopien sind die Strassen zumeist asphaltiert und die Hotels hübsch, ordentlich, überdies werden die Sehenswürdigkeikten gleichsam auf dem Silbertablett serviert. Recht anders der Süden, wo das Geschäft mit den Touristen erst zögerlich anläuft. Ausgangspunkt der hochinteressanten Ethnotour ist Arb Minch am Chomo See, erreichbar ab Addis Abeba in ca. 9 Stunden (500 km) auf einer zumeist guten Strasse. Sehr empfehenswert die Paradise Lodge, deren tadellose Bungalows im Stil der Konsorundhütten errichtet sind und wo ein italienisches Management für beste Verpflegung sorgt. Besucht werden von hier aus ein Dorf des Dorze Stammes. Es liegt auf mehr als 3000 Meter Höhe und ist berühmt für seine dreistöckigen Bienenkorbhäuser, die Webkunst der Männer und einen kunterbunten Markt, auf dem sich die Frauen zu Schnapskränzchen treffen. Ein zweiter Ausflug führt an den Chomo See und weiter per Boot zu den Krokodilen, Nilpferden und Flamingos.
Und dann der totale Wechsel: südlich von Arb Minch trifft man alle 50 Kilometer auf einen anderen Stamm, auf die fleissigen Konso Bauern, auf die Derashe, deren Mädchen sich mit einem schwarzen Strich über die Nase und sehr viel Glasperlen schmücken, auf die Benna, erkenntlich an den mit roter Tonerde eingeschmierten Zöpfchenfrisuren und den unbearbeiteten Ziegenfellröcken der Frauen, sowie an den jungen Burschen, die ihren splitternackten Körper mit weissen Ornamenten bemalen und weiter auf das Marktgetriebe der Hamer, auf die Key Afer, die Karo, die Erbore und schliesslich die Mursi, berühmt für die Lippenpflöcke der Frauen.
Doch dies muss alles verdient werden. Die Strassen sind zu einem grossen Teil so holprig, dass sie als Passiv-Massage dienen könnten und die Unterkünfte sowie die Verpflegung lassen manche Wünsche offen. Das Orit Hotel in Jinka hat zwar einen hübschen Hof, wo die Einheimischen am Abend gern Bier trinken, doch nur kaltes Wasser und ein Speiseangebot, das sich in der Hauptsache auf Pasta beschränkt. Ausser mir wohnten dort noch zwei Chinesen keine Touristen, sondern Strassenbauingenieure, die versprachen, bis in einem Jahr würde der Verkehr sehr flott rollen. Perfekter die noch nicht ganz fertige Kanta Lodge des Schweizers Fredy Hess in der Gegend von Konso sowie die Buska Lodge in Turmi.
Und dann begann das Abenteuer. Während die wenigen Touristen von Turmi aus zurück nach Addis Abeba zu fahren pflegen, rollte ich weiter nach Yarbello, einem Handelsplatz ca. 200 Kilometer südlich von Arb Minch und wohnte dort ganz allein in der neuen, etwas kahlen Borena Lodge. Immerhin gab es eine warme Dusche, auch bekam ich ein üppiges Abendessen mit soviel grilliertem Fleisch, dass leicht auch drei Leute hätten satt werden können. Die letzten 200 Kilometer bis zur kenianischen Grenze in Moyale waren ein Klacks: asphaltierte Strasse praktisch ohne Verkehr und mit einem Abstecher zur singenden Quelle. Die Quelle befindet sich in einer tiefen Senke und ist mit der Hochebene durch einen steilen Pfad verbunden auf dem sich eine Männerkette von Hand zu Hand schwere Wasserkessel reicht und dazu singt. Ähnlich ungewöhnlich der kleine Salzsee, gelegen in einem Krater und umlagert von kräftigen Männern und vielen Eseln. Nächste Überraschung der Grenzort Moyale, wo ich in einer der igluförmigen Bambushütten des Koket Borena Moyale Hotels Unterkunft fand. Anschliessend besuchte ich mit meinem super tüchtigen Chauffeur-Führer Mule den Markt mit seinem üppigen Angebot an Second Hand Kleidern und den Grenzposten.
Besser man holt sich den Ausreisestempel am Abend vorher, denn wie lange die Beamten am nächsten Morgen schlafen ist ungewiss. Eine überaus gemütliche Grenze: Man bewegt sich völlig unbehelligt hin und her, doch ist es ratsam, sich auch einen kenianischen Einreisestempel zu verschaffen, denn sonst könnte es bei der Ausreise in Nairobi Schwierigkeiten geben. So verabschiedete ich mich am nächsten Tag von Mule, packte meinen kleinen Koffer ins neue Auto und wartete. Der uralte Toyota musste erst repariert werden und Fahrer sowie Reiseleiter jammerten über die 270 Kilometer lange Schotterstrasse bis Marsabet, die sie nie zuvor befahren hatten. Ich selber machte mir mehr Gedanken über eine Notiz im Reiseführer, die besagte, man brauche fürs erste Wegstück in Kenia eine Polizeieskorte.Von Eskorte aber war natürlich keine Spur zu sehen und so rollten wir ganz allein hinaus in die Steinwüste und blieben etwa in der Hälfte stecken. Kein Problem, versicherten die beiden Kenianer und werkelten unter der Motorhaube herum, dies leider erfolglos. Doch dann, nach beinahe drei Stunden nahte endlich ein anderes Auto, dessen Chauffeur sich als begabter Mechaniker erwies: Fünf Minuten und wir konnten weiterrollen, drei Stunden mehr und wir erreichten die schöne neue Marsabet Lodge, wo ich wieder einmal der einzige Gast war. Der Grund für den Touristenmangel ist einfach: die Lodge liegt zu weit weg von den üblichen Safarirouten, zudem ist der kleine See kürzlich ausgetrocknet. Immerhin, die weltgrössten Elefanten sind noch da - einer von ihnen versperrte uns gar den Weg.
Problemloser die 170 Kilometer lange Etappe zum Samburu Nationalpark, wo ich auch das Dorf der tapferen Frauen besuchte, die sich gegen die Beschneidung ihrer Töchter wehren. Sie wurden in einer Fernsehdokumentation vorgestellt und leben seither vom Verkauf von Handarbeiten sowie von Spenden der Touristen.
Es reicht dazu, die Mädchen in die Schule zu schicken und es reicht zu einem selbständigen Leben, denn manchen afrikanischen Machos laufen die Emanzen davon. Einen letzten Stopp vor Nairobi machte ich in der Mount Kenya Serena Lodge. Sie liegt tief vergraben im Dschungel und bietet von ihren behaglichen Zimmern aus einen guten Blick auf ein grosses Wasserloch, an dem sich Büffel, Elefanten, Antilopen und Gazellen erlaben. Ein nächtelanges Safarierlebnis gleichsam aus einer Loge.
Noch 150 Kilometer durch Bananen und Ananas Plantagen, Sorghum Felder, Dörfer, Märkte und schier endlose Vororte und ich war in Nairobi und feierte die geglückte Tour im Carnivore Restaurant, angeblich der beste Grill von Afrika. Wildtierfleisch gibt es dort allerdings nich mehr, es geht nun ganz ähnlich zu wie in einer brasilianischen Churrascaria: Mehr als ein Dutzend Fleischsorten und permanenter Service bis man das Fähnchen auf dem Tisch umlegt. Zum Abschied besuchte ich noch das Haus von Karen Blixen und das Kenyatta Denkmal, blickte hoch zum alten Mann mit dem Spazierstock und erinnerte mich: An der Unabhängigskeitsfeier von Tansania durfte ich Kenyatta die Hand schütteln. Für mich ein überaus frohes Wiedersehen mit Afrika.

Charlotte Peter, September 2010

Die nächste Gruppenreise mit Dr. Charlotte Peter findet im Februar 2011 statt.